Zwei Bibliothekare
Nein, Lessing war
kein Gärtner. Goethe war einer, Schiller auch und es wäre gewiss reizvoll, auch
den dritten großen Klassiker als einen „Standeskollegen“ denken zu können. Aber
ein so unsteter Mensch wie Lessing hätte einen unverlässlichen Gartenpatron
abgegeben. Seine Welt war in einem sehr ausschließlichen Sinne das Reich des
Gedankens, des Intellekts und vor allem des Buches. Aber hatte nicht letzthin
der Buchhändler freundlich ein Lesezeichen zum Einkauf dazugelegt: "Ein
Buch ist ein Garten, den man in der Tasche tragen kann", wurde darauf eine
arabische Spruchweisheit zitiert. So gesehen ließe sich Lessing, der
langjährige Bibliothekar der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, dann
doch stiefbrüderlich in die Gärtnerfamilie einreihen ... .
Welches ist der
rechte Garten? Auch die Gartenkultur kennt feindliche Lager. Was dem einen die
strenge Form, ist dem anderen das liebenswerte Durcheinander. Dieser sammelt
Iris in Sorten, jener sammelt Kulinarisches ins Töpfchen. In manchen Gärten
regieren Hängematte und Eckbank, gleich nebenan Spaten und Kompostsilo. Welches
ist der rechte Garten? In dieser Frage geht es nicht immer friedlich ab. Wenn
solche Auseinandersetzung nur mit Naserümpfen abginge, wäre es ja halb so
schlimm. Zwar enden nicht alle Streitigkeiten gleich vor dem Kadi, aber vor das
imaginäre Gericht des rechten Weges, wird wohl so mancher Nachbar gezerrt.
Fragen wir doch Lessing, den großen Streiter: "Herr Lessing, rede er.
Welches ist der rechte Garten?." Und Herr Lessing, respektive sein
Geschöpf ‚Nathan der Weise’, ist um die Antwort nicht verlegen: "Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen/ Von Vorurteilen freien Liebe nach!/ Es
strebe von euch jeder um die Wette ... De r
r e c h t e W e g (eigentlich "der rechte Ring") i s t n i c h t
e r w e i s l i c h."
Dass man ihn nicht
missverstehe, Lessing predigt alles andere als Gleichgültigkeit. Gerade die
unbedingte Leidenschaft, der Einsatz und Kampf
f ü r ein Ideal, hat allerorten reichste Früchte getragen. Ja, selbst
der Kampf g e g e n etwas - und wer wenn nicht Lessing hätte das bewiesen -
kann solche Frucht zeitigen. Nur der Krieg, das Auslöschen des Anderen um eines
vermeintlich höheren Gutes willen, ist das Ende der Streitkultur. Aber dazu hat
ein anderer Wolfenbütteler Bibliothekar, Erhart Kästner, dem Gärtner
Letzgültiges ins Stammbuch geschrieben:
Im "Zeltbuch von Tumilad" beschreibt er seine Zeit
als Kriegsgefangener in der afrikanischen Wüste. "Einige, aus Langerweile
oder Passion, hatten sich auf das Hervorzaubern von kleinen Gärten verlegt.
Nämlich das ging." Wasser und verrottende Teeblätter waren die Zauberstäbe
dieser Gärtner. "Zu aller Verblüffung entstanden die ungeahntesten Gärten.
Man konnte Klematis, Levkojen und gelbe Kuhblumen sehen, azurblaue
Trichterwinden, Löwenmaul, Zinnien, Gladiolen ... . Wasserholen war für diesen
Zweck nicht erlaubt. So standen sie in der Nacht heimlich auf, um ihrem
gärtnerischen Drang zu frönen. Denn es waren rührende Menschen; wenn die Menschheit
nur aus Gärtnern bestünde, gäbe es nie einen Krieg." Da hast du's!