Mauerkammgarten
„Gärten am
Reiseweg“? Ja, das ist ein schönes Reisen, das die erlesenen Gärten berührt
oder gar zum wesentlichen Inhalt hat. Erlesen nicht selten in doppelter
Bedeutung, denn mancher war dem berühmten Park oder Garten literarisch schon
länger auf der Spur. Von besonderem Reiz jedoch ist eine Begegnung der anderen
Art: das Stolpern über den unerwarteten, unbekannten und bestimmt unberühmten
Garten, die überraschende Entdeckung eines hinter Dornenranken versteckten,
schlummernden Schatzes. Suchen kann man das nicht. Finden schon eher. Entdecken
aber, richtig von innen, womöglich Seite an Seite mit dem Gartenschöpfer selbst
- das ist ein kleiner Alltagsgnadenakt und eingedenk der vielen
Zufallsumstände, die allein dahin führen, einiger Dankbarkeit wert. Der
Kolumnist weiß wovon er spricht und hat dabei zwei wundervolle Gärten im
ungetrübtem Erinnerungsblick.
Andere kennen das
auch: „Habe ich ihnen schon erzählt, dass ich einen Umweg gemacht habe, um die
alte Mauer in Goslar wiederzusehen? Ich kenne sie nun seit einigen zwanzig
Jahren, glaube ich. ... Die Leute, denen diese Mauer gehört, haben keinen
Garten, sie schließt nur einen Hof ab. Dies mag die reizvolle Entwicklung
erklären, die ihr Blumenschmuck erfahren hat. Als ich ihre Bekanntschaft
machte, wuchsen auf dem Mauerkamm allerlei Gräser wie zarte grüne Kissen, aus
denen sich die zärtlichen Profile der Blütenstände erhoben, einzelne Gruppen
von Hauslauch. Das mochte sich alles von selber dort angesiedelt haben.“
Alfred Lichtwark,
der feinsinnige Gartenschrifsteller, wurde gleich zweifach beglückt. Zuerst
durch die Entdeckung des Mauerkamm-Gartens. Das war keineswegs passives
Glücksgeschenk, sondern vielmehr aktive Leistung, wie sich bei genauerem Lesen
seiner Darstellung zeigt. Denn was Lichtwark, der Gärtner, dort in Goslar auf
dem alten Mauerwerk vorfand, war überhaupt kein Garten, sondern Landschaft -
eine zufällige Komposition („Das mochte sich alles von selber dort angesiedelt
haben.“)! Und ganz offensichtlich wurden Mauerkammbesitzer und Betrachter von
dem gleichen Bedürfnis und Vermögen beseelt: darin, in der Mikrolandschaft, im
Zufälligen, den Garten zu ahnen, zu sehen, und an seinem Werden Anteil zu
nehmen: handelnd oder betrachtend, in jedem Fall aber über lange Zeit:
„Dass es sich dort
sehr gut machte, mussten auch die Bewohner des kleinen Hauses gefunden haben,
dessen Hof die Mauer abschließt. ... Von Jahr zu Jahr wurde es mir deutlicher,
dass die Leute in der Bestellung dieses Mauerkamms einen Ersatz für den
fehlenden Garten suchten. ... Von Jahr zu Jahr wurde es schöner und reicher.
Nicht lange, so trug die Mauer einen mit Erde gefüllten Steinkasten über der
ganzen Ausdehnung, und nun legten die Pflanzen nach Herzenslust los. An die mit
ragenden Blütenständen schlossen sich solche mit hängenden, die wie ein Vorhang
an der Mauer herabsanken“.
Der Garten auf dem
Mauerkamm, ein Ersatz für den „richtigen“ Garten!? Vielleicht. Aber vielleicht
auch ein in diesen Dingen gar nicht so seltener Fall von „Ur-Zeugung“, eine
Inspiration des Nicht-Gärtners durch ein Stück „Land“, das für nichts steht,
außer für sich selbst! Jedenfalls ein gestalteter Raum in Wandlung, dessen
andauernde Verwandlung dem Betrachter Lichtwark ein Vergnügen der besonderen
Art bereitete. Denn das ist die in Aussicht genommene zweite Glücksgabe an den
kenntnisreichen Spaziergänger, nämlich, dass er immer wieder zum Ort der
zunächst zufälligen Begegnung zurückkehren und über das einmalige Bild hinaus,
dessen fließend-metamorphische Bewegung verfolgen konnte. Dafür lohnt es sich
sogar „Umwege zu machen!“.
„Das Schönste sah
ich in diesem Jahre. Weiße und purpurne Petunien im üppigen Laub hingen wie ein
Königsmantel herab an der schönen grauen Mauer. Diesmal ging ich hinein und
sprach den Leuten meine Freude über den Anblick aus. Sie strahlten vor Stolz
und Glück und erzählten mir, wie schwierig es in dem heißen Sommer gewesen
wäre, genügend Wasser zu beschaffen.... Für mein Empfinden ist diese
Gartenmauer der armen gartenlosen Leute eine der großen Sehenswürdigkeiten
Goslars.“
Lichtwarks Szene,
zumal sie in Goslar siedelt, trägt den Duft von „Lange-Her“ und von Idylle an
sich. Aber Vorsicht, denn die Idylle lebt, inkognito gewiss und manchmal
verschämt, aber sie lebt! Entkleidet man sie nämlich von ihrem Beiwerk, den
Fransen, Rüschen, den Ärmelschonern und Hosenträgern, ist sie hochwirksames
Agens einer weit tragenden Revolution. Möglicherweise.
Glaubt ihr nicht?
Und warum wundert ihr euch nicht? Worüber? Ein Exkurs: Wer hat die schönsten
Gärten? Unsere (meine) Elterngeneration. Also möglicherweise du, lieber Leser!
Warum haben sie die schönsten Gärten? Weil sie das Arbeiten noch gelernt haben.
Den Fleiß. Die Hartnäckigkeit. Das Wartenkönnen und Geschehenlassen. Die leisen
Genüsse. Die Geduld. Das haben sie auf dem Land gelernt oder bei schwerer
Handarbeit, nicht selten sogar im Krieg. Online lernt man das nicht. Sicher,
online geht einiges, sogar reich werden geht. Schnell reich werden! Doch wer
schnell reich wird, wird dabei nicht nur reich sondern auch s c h n e l l! Aber
selten Gärtner. Die aber doch Gärtner wurden, tief innen, sind keine Idylliker
sondern „Partisanen“, wie das einst Jürgen Dahl in der „Natur“ so prägnant ins
Bild gefasst hat. Unspektakuläre Kämpfer für eine getragene, mit liebevoll
zugreifender Hand erhaltene Welt. Aber nur so entsteht etwas von Dauer - und
sollte es des Menschen Zukunft selber sein.