Ralf Lilienthal - Buchautor - Hosentaschengarten
   
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Hosentaschengarten

 

  Es gibt Gedanken die in die Welt geworfen werden müssen wie Blumensaat in brachen, blanken Boden. Hier ist einer von ihnen: „Die Leistungen der Menschen sind bemerkenswerter, wenn man die Beschränkungen betrachtet, unter denen sie sich mühn.“ Gedacht und ausgesprochen von Thornton Wilder in den „Iden des März“ und eines der ganz großen Trostworte der Weltweisheit überhaupt. Vor allem ein Satz für alle, die ausziehen wollen, das Lieben zu lernen. Den Menschen. D i e Menschen! U n s Menschen, die wir, vom Schicksal geschunden, hinkend, blind und taub, uns noch auf allen Vieren von Tagewerk zu Tagewerk schleppen, geradeso als hinge alles Glück der Welt nur noch am seidenen Faden unserer eigenen Existenz.

  Ein Gedanke der milde stimmt. Gegen Andere und nicht zuletzt gegen uns selbst. Wer sich diesen Gedanken wie eine Brille auf die trüb gewordenen Augen setzt, findet menschliche Größe in den armseligsten Lumpen, hinter den trostlosesten Fassaden verborgen. Der „Chronist der Winde“, im gleichnamigen Roman von Henning Mankell, legt Zeugnis von solcher Größe ab, indem er das Leben des afrikanischen Straßenjungen Nelio erzählt. Nelio lebte das Glück einer dörflichen Existenz, ehe ein Banditenüberfall diesem Leben abrupt eine entscheidende Wendung gibt. Die Familie wird ausgelöscht, während er fliehen kann. Doch war, bei aller Grausamkeit des Geschehenen, die gewaltsame Änderung seines Lebens nicht wirklich eine „‚Katastrophe“, also die „endgültige Wendung zum Schlechteren“ wie die griechische Tragödie den Begriff definiert. Nelio erfährt vielmehr eine Wandlung zu Tiefe und Bedeutsamkeit, da er die Lektionen des Leidens zu lernen bereit ist. Am Ende findet der Leser den Zwölfjährigen als charismatischen Anführer einer Gruppe von Straßenkindern, deren Geschicke er bis zu seinem frühen Tod energisch, aber behutsam lenkt.

  Es ist eine inhomogene Gemeinschaft, jeder von ihnen lebt und kämpft unter dem Banner eines ganz individuellen, kaum vorstellbaren Leids. Und jeder von ihnen trägt mit ganz und gar einzigartigen, von weitem eher unscheinbaren Begabungen und Befähigungen zum materiellen und seelischem Überleben der Gruppe bei. „Mandioca beispielsweise. Er hatte die größten Hosentaschen, und darin ließ er Zwiebeln und Tomaten wachsen. Die Erde, die er in die Taschen gefüllt hatte, wässerte er jeden Morgen, es tropfte ständig an ihm herunter, und das war seine Beschwörung, seine Sehnsucht, einmal in das Dorf zurückzukehren, an das er sich nicht erinnerte, das aber trotzdem tief in seinem Bewusstsein verankert war, das Dorf, aus dem seine Familie geflüchtet war, als die Warnung kam, die Banditen seien unterwegs.“

  Mandioca, der schwarze Straßenjunge irgendwo am Rande einer afrikanischen Metropole - ein Bote des verlorenen Paradies, das hier unter dem Inkognito „Dorf“ firmiert? Ja, ein unbewusster Bote! Eine mythische Gestalt in den Strassen des Elends. Viel stärker kann man es nicht ins Bild fassen. Ddas Paradies, der Garten, sucht sich seinen Weg in die Welt, bringt sich in den kuriosesten Verkleidungen in die Erinnerung einer irrenden Menschheit. Und mit welchem Nachdruck, mit welcher blinden Sicherheit in allen Lebensentscheidungen! „Ein ums andere Mal war er von Wohltätigkeitsorganisationen aus aller Herren Länder in verschiedene Kinderheime gesteckt worden, aber er war immer wieder ausgebrochen, denn er wusste, von dort würde er eines Tages die Wanderung zurück nach Hause antreten. Er wollte nicht baden, in einem Bett liegen und saubere Sachen zum Anziehen bekommen. Er wollte große Hosentaschen haben, in denen die Erde Platz hatte, die für ihn genauso wichtig war wie sein eigenes Blut.“

  Für den Garten, und sei es nur der Garten in der Tasche, bringen Menschen außerordentliche Opfer. Manchmal tauchen ihre tiefsten Motive bis an die Oberfläche des Bewusstseins herauf, eine Ahnung dunkel-mächtigen Getriebenseins, der letzte Grund, warum es erstrebenswert ist, mit schwarzer Erde unter den Fingernägeln zu sterben: „von dort“ aus dem Garten! „würde er eines Tages die Wanderung nach Hause antreten“.

  „Die Leistungen der Menschen...“. Wo, wenn nicht in der Betrachtung menschlicher Leistung, könnte der Keim zu jener geforderten umfassenden Liebe des Nächsten besser begründet sein? Liebe ist - was andere besser beschrieben und erläutert haben, als der schreibende Gärtner das könnte-  Liebe ist nicht Blindwerden für die Fehler eines Anderen, es ist Sehendwerden für seine Einzigartigkeiten und Vorzüge. Das aber ist nur um den Preis der Absichtslosigkeit, des Innehaltens, der zwecklosen Gegenwärtigkeit zu haben. Dort, wo wir uns entschleunigen, wo wir stehenbleiben, zusehen, die Schichten des Scheins abheben und zum Sein fremder Handlung durchstoßen, keimt das Pflänzchen Sympathie auf, wächst sich zur Zuneigung aus und trägt die Frucht der Liebe auf seinem schwankenden Stiel. Das geht überall: im Supermarkt, bei der Betrachtung einer geduldigen Mutter, in der Änderungsschneiderei, beim Anblick einer immer lachenden, flinken Nadel oder im Garten:

  „Mandioca stocherte in seinen Taschen, wo die Pflanzen sprossen. Er faltete sie auseinander, damit die Sonne auf die Blätter scheinen konnte. Längst hatte Nelio zu seinem Erstaunen festgestellt, dass die Pflanzen in Mandiocas Taschen tatsächlich gediehen. Es war, als sei Mandioca selbst eine Pflanze, ein Baumschössling, bei dem die Arme noch wie schmale Äste ohne Blätter waren“.

 
   
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Erstellt von Daniel P. [the-crusader(at)web(dot)de]