Hosentaschengarten
Es gibt Gedanken die
in die Welt geworfen werden müssen wie Blumensaat in brachen, blanken Boden.
Hier ist einer von ihnen: „Die Leistungen der Menschen sind bemerkenswerter,
wenn man die Beschränkungen betrachtet, unter denen sie sich mühn.“ Gedacht und
ausgesprochen von Thornton Wilder in den „Iden des März“ und eines der ganz
großen Trostworte der Weltweisheit überhaupt. Vor allem ein Satz für alle, die
ausziehen wollen, das Lieben zu lernen. Den Menschen. D i e Menschen! U n s Menschen,
die wir, vom Schicksal geschunden, hinkend, blind und taub, uns noch auf allen
Vieren von Tagewerk zu Tagewerk schleppen, geradeso als hinge alles Glück der
Welt nur noch am seidenen Faden unserer eigenen Existenz.
Ein Gedanke der
milde stimmt. Gegen Andere und nicht zuletzt gegen uns selbst. Wer sich diesen
Gedanken wie eine Brille auf die trüb gewordenen Augen setzt, findet
menschliche Größe in den armseligsten Lumpen, hinter den trostlosesten Fassaden
verborgen. Der „Chronist der Winde“, im gleichnamigen Roman von Henning
Mankell, legt Zeugnis von solcher Größe ab, indem er das Leben des
afrikanischen Straßenjungen Nelio erzählt. Nelio lebte das Glück einer
dörflichen Existenz, ehe ein Banditenüberfall diesem Leben abrupt eine
entscheidende Wendung gibt. Die Familie wird ausgelöscht, während er fliehen
kann. Doch war, bei aller Grausamkeit des Geschehenen, die gewaltsame Änderung
seines Lebens nicht wirklich eine „‚Katastrophe“, also die „endgültige Wendung
zum Schlechteren“ wie die griechische Tragödie den Begriff definiert. Nelio
erfährt vielmehr eine Wandlung zu Tiefe und Bedeutsamkeit, da er die Lektionen
des Leidens zu lernen bereit ist. Am Ende findet der Leser den Zwölfjährigen
als charismatischen Anführer einer Gruppe von Straßenkindern, deren Geschicke
er bis zu seinem frühen Tod energisch, aber behutsam lenkt.
Es ist eine
inhomogene Gemeinschaft, jeder von ihnen lebt und kämpft unter dem Banner eines
ganz individuellen, kaum vorstellbaren Leids. Und jeder von ihnen trägt mit
ganz und gar einzigartigen, von weitem eher unscheinbaren Begabungen und
Befähigungen zum materiellen und seelischem Überleben der Gruppe bei. „Mandioca
beispielsweise. Er hatte die größten Hosentaschen, und darin ließ er Zwiebeln
und Tomaten wachsen. Die Erde, die er in die Taschen gefüllt hatte, wässerte er
jeden Morgen, es tropfte ständig an ihm herunter, und das war seine
Beschwörung, seine Sehnsucht, einmal in das Dorf zurückzukehren, an das er sich
nicht erinnerte, das aber trotzdem tief in seinem Bewusstsein verankert war,
das Dorf, aus dem seine Familie geflüchtet war, als die Warnung kam, die
Banditen seien unterwegs.“
Mandioca, der
schwarze Straßenjunge irgendwo am Rande einer afrikanischen Metropole - ein
Bote des verlorenen Paradies, das hier unter dem Inkognito „Dorf“ firmiert? Ja,
ein unbewusster Bote! Eine mythische Gestalt in den Strassen des Elends. Viel
stärker kann man es nicht ins Bild fassen. Ddas Paradies, der Garten, sucht
sich seinen Weg in die Welt, bringt sich in den kuriosesten Verkleidungen in
die Erinnerung einer irrenden Menschheit. Und mit welchem Nachdruck, mit
welcher blinden Sicherheit in allen Lebensentscheidungen! „Ein ums andere Mal
war er von Wohltätigkeitsorganisationen aus aller Herren Länder in verschiedene
Kinderheime gesteckt worden, aber er war immer wieder ausgebrochen, denn er
wusste, von dort würde er eines Tages die Wanderung zurück nach Hause antreten.
Er wollte nicht baden, in einem Bett liegen und saubere Sachen zum Anziehen
bekommen. Er wollte große Hosentaschen haben, in denen die Erde Platz hatte,
die für ihn genauso wichtig war wie sein eigenes Blut.“
Für den Garten, und
sei es nur der Garten in der Tasche, bringen Menschen außerordentliche Opfer.
Manchmal tauchen ihre tiefsten Motive bis an die Oberfläche des Bewusstseins
herauf, eine Ahnung dunkel-mächtigen Getriebenseins, der letzte Grund, warum es
erstrebenswert ist, mit schwarzer Erde unter den Fingernägeln zu sterben: „von
dort“ aus dem Garten! „würde er eines Tages die Wanderung nach Hause antreten“.
„Die Leistungen der
Menschen...“. Wo, wenn nicht in der Betrachtung menschlicher Leistung, könnte
der Keim zu jener geforderten umfassenden Liebe des Nächsten besser begründet
sein? Liebe ist - was andere besser beschrieben und erläutert haben, als der
schreibende Gärtner das könnte- Liebe
ist nicht Blindwerden für die Fehler eines Anderen, es ist Sehendwerden für
seine Einzigartigkeiten und Vorzüge. Das aber ist nur um den Preis der
Absichtslosigkeit, des Innehaltens, der zwecklosen Gegenwärtigkeit zu haben. Dort,
wo wir uns entschleunigen, wo wir stehenbleiben, zusehen, die Schichten des
Scheins abheben und zum Sein fremder Handlung durchstoßen, keimt das Pflänzchen
Sympathie auf, wächst sich zur Zuneigung aus und trägt die Frucht der Liebe auf
seinem schwankenden Stiel. Das geht überall: im Supermarkt, bei der Betrachtung
einer geduldigen Mutter, in der Änderungsschneiderei, beim Anblick einer immer
lachenden, flinken Nadel oder im Garten:
„Mandioca stocherte
in seinen Taschen, wo die Pflanzen sprossen. Er faltete sie auseinander, damit
die Sonne auf die Blätter scheinen konnte. Längst hatte Nelio zu seinem
Erstaunen festgestellt, dass die Pflanzen in Mandiocas Taschen tatsächlich
gediehen. Es war, als sei Mandioca selbst eine Pflanze, ein Baumschössling, bei
dem die Arme noch wie schmale Äste ohne Blätter waren“.