Ralf Lilienthal - Buchautor - Die Fliederstraße
   
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Copyright by Ralf Lilienthal © 2011

 

‚Von Menschen und Orten: Expeditionen in die Herzkammern des Ruhrgebiets’, herausgegeben von Monika Buschey. 64 Seiten, gebunden, 9,90 € ISBN 978-3-942094-10-8

 

Mein Beitrag: S. 29    Die Fliederstraße

 

Lesen Sie hier den fehlenden zweiten Teil des Essays:


 Und wie sah es im Osten, auf der vom eigenen Elternhaus aus gesehen, diesseitigen Route durch die Gärten aus? Während auf der anderen Straßenseite gewissermaßen die Poetische Route verlief, hatte diese Seite alles in allem eher Prosa zu bieten. Warum eigentlich? Damals habe ich das empfunden, aber nicht verstanden. Weil auf dieser Seite die Probleme-Macher lebten? Die Moralisten, die sich nicht scheuten bei unseren Eltern Protest einzulegen, sobald sie uns in ihren Gärten auch nur sahen? Nein. Das hatte mit viel unwägbareren Dingen zu tun. Auf dieser Seite gab es keine ‚Rückwand’. Hier kamen hinter der östlichen Grenze weitere Gärten, in die man hätte klettern können. Hier war es offener, un-heimlicher, weniger geeignet zum Verweilen, ohne Verstecke und sichere Zwischenlager. Wer da hindurch lief, musste schnell weiter kommen. Obwohl es hier Phantastisches gab, wie den Schweinestall des alten, kleinen, drahtigen Nebenerwerbsbauern Kehl. Der hielt, mitten im Duisburger Kleinbürgervorort und weitgehend unsichtbar, unhörbar und unriechbar, tatsächlich ein halbes Dutzend Mastschweine, die eines Tages, dick und fett, unter gewaltigem Angstkrakeelen mit Hilfe von Elektroschockern längs durch den Garten getrieben wurden, um dann, über eine Laderampe, auf einen ausgewachsenen Viehtransporter gejagt zu werden.

Dort war die Waschbude der Landaus, ein dunkler, kleiner Bau mit massiven Mauern, hinter dem alles sein konnte und vielleicht irgendetwas Rohes, Brutales wartete. Der Ort, an dem wir die ersten, verbotenen Züge an der Zigarette gemacht und hustend und prustend: Nie wieder! geschworen haben.

Dort bauten Nicolais Kartoffeln an und wir gruben sie verbotenerweise aus und mit ihnen merkwürdige große, plumpe Käfer, die sich unschwer als Maikäfer identifizieren ließen, auch wenn es die eigentlich schon lange nicht mehr geben durfte, weil mein Vater und seine Freunde sie im zweiten Weltkrieg ‚alle ausgerottet hatten’. Dort waren Birnbäume und Kirschen, die wir en passant mitgeerntet haben. Eine wunderbare Kletterbirke, die uns das Fürchten und den Mut lehrte. Dort waren Gartenzwerge, lächerlich und aufregend zugleich, weil sie ein bisschen so aussahen, als würden sie ihren Besitzer gleich um Hilfe rufen.

Aber was dort nicht war, war jenes Etwas, das die ‚andere Seite’ bis heute zu einem legendären, unzerstörbaren Ort des Geheimnisses gemacht hat. Einem Geheimnis, dem man sich auch in der Erinnerung gerade nur so weit nähern möchte, dass neben den ausgeleuchteten Flächen, genug Schatten- und Dunkelheit bleibt, sie zum umkleiden.
   
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Erstellt von Daniel P. [the-crusader(at)web(dot)de]