Ralf Lilienthal - Buchautor - Der grüne Schuh
   
  Home
  Aktuell
  Ralf Lilienthal
  Bücher
  Sammelbände
  Reportagen
  Interviews
  Wenn der Vater ...
  Daily Soap 'Essen is' fertig'
  Gartentexte
  => Artisten
  => Bett im Garten
  => Der grüne Schuh
  => Was tun Birkenblätter?
  => Hosentaschengarten
  => Mauerkammgarten
  => Zwei Bibliothekare
  => Pflanzennamen – ein Kapitel für sich!
  => Regenwurmwanderkasten
  Jahreszeitentexte
  AlnaturA
  WELEDA Magazin
  GLS-Bank
  Vom Schreiben
  Signierte Bücher
  Gästebuch
  Kontakt
  Links
  Impressum
  Besucherzahlen

Copyright by Ralf Lilienthal © 2011
Der grüne Schuh (GP 01/1996)

Überall ist "Garten". Schon der mit Gärtneraugen zusammengeschaute Ausschnitt Natur ist gewissermaßen ein Garten (was noch zu beweisen wäre). Doch um "Garten" zu sehen, kann man sich auch der Augen eines kleinen Mädchens bedienen.
Der Arzt und Dichter Hans Carossa berichtet von einem Spaziergang mit Mutter und Schwester. Die Dreizehnjährige zieht den wohlwollenden Bruder hinter sich her und ist freudig gespannt, ihm das "Allerschönste des Waldes" zu zeigen: "den grünen Schuh. Sie lachte, als ich wissen wollte, ob dies vielleicht der Name eines neuen Waldwirtshauses oder einer Diensthütte wäre. 'Du stehst davor, gib acht, dass du nicht darüber stolperst!' Sie hielt mich am Rockärmel fest, als ich den Bach überspringen wollte, und deutete auf ein Ding, das meinem Blick bisher entgangen war. Unter Erlengesträuch, zwischen Schilf und Weidenröschen, stand halb im Wasser ein weggeworfener alter Schuh, aus dem durch das zarte Weben der Natur etwas wie ein Kunstwerk geworden war. Dunkelgrüne Moose bekleideten das faltig eingeschrumpfte Leder bis zur Kappe, die einen Besatz von apfelgrünen Algen trug. Die abgerissene Sohle mit hölzernen Zähnchen und die breite Zunge waren mit einem feinen gelbgrünen Pilz wie mit Seidensamt gefüttert."
Das waren noch Zeiten, als ein in der freien Natur entsorgter Schuh bedenkenlos seinem Schicksal überlassen werden konnte! Auf Leder, Holz und Schusterzwirn mag sich manch anmutiges Ensemble von Moos und Algen eingefunden haben. Und als ein reputierlicher Garten en miniature - von der großen Gärtnerin Natur selbst gestaltet - darf der alte Schlappen dabei auch noch angesehen werden. Denn wer sagt schließlich, dass die Ausmaße den Garten ausmachten oder dass seine Pflanzen auf Erde wachsen müssten statt auf Leder.
Überall ist Garten. Wer sich zu den feinen Moospflänzchen hinunterbegibt, zu den Algenrasen und Flechtenwäldern, den überrascht die oft erstaunliche Vielfalt und Landschaftsähnlichkeit dieser einfachen Lebensformen. Neben vielem ist Gärtnern auch sehen lernen: Sinn für Proportion, Kontraste, Harmonie, kurz Sinn für künstlerische Gestaltung und vollendete Gestalt zu entwickeln. Und dieser Sinn bildet sich am Kleinen so gut wie am Großen. Das Gärtchen auf dem Schuh ist in der Schule des Sehens gewiss eine bescheidene Lektion. Aber man reduzierte es auf einen bloßen Mittel zum Zweck, würde man seine Pflanzen nicht auch für sich bewundern können. Goldglänzendes Moos im beschatteten Rasen, rötliche Flechten auf einem wuchtigen Betonsockel, die vielfältige Zersetzungsflora auf dem alten Eichenstumpf - wer sich diesen Wesen seines Gartens erst einmal geöffnet hat, wünscht er selbst hätte sie gepflanzt, wünscht sie ließen sich ebenso sicher handhaben wie die tausenderlei Kulturpflanzen unseres Gartensortiments. Und vielleicht lassen sie sich! Hier ein bemoostes Aststück, dort eine Krustenflechte auf Granit und manchmal ein Ensemble von Vielem auf einem alten Schuh ... : Man muss sich nur, bei gebührendem Respekt vor dem Schonenswerten, bücken und sie nach Hause tragen. Ein Plätzchen dafür ist wohl rasch gefunden und dem weiten Feld des gärtnerischen Experimentierens ein neues Tor eröffnet.





 
   
Insgesamt waren schon 114692 Besucher (324117 Hits) hier!
Erstellt von Daniel P. [the-crusader(at)web(dot)de]