Ralf Lilienthal - Buchautor - Bett im Garten
   
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Bett im Garten (GP 06/1996)

Mancher Gärtner nimmt seine hortensischen Hoffnungen und Ängste sogar mit in den Schlaf. Doch auch ein umgekehrter Weg wäre denkbar. Auf dem trüge man seine zivilen Sorgen nicht nur tagsüber in den Garten, arbeitete sie und sich darin ab, nein, auch nachts fände man hier eine geeignete Zufluchtstätte.
Maxim Gorki hatte als kleiner Junge seinen Vater verloren. Zusammen mit der Mutter fand er eine neue Heimstatt bei den Großeltern. Die Lebensverhältnisse dort waren armselig, aber Gorki richtete sich nach Art der Kinder häuslich darin ein. Im Hof und Garten hinter des Großvaters Haus lag das Reich seiner Kindheit ausgebreitet. Eine alte, ungenutzte Mistgrube wurde zum Kristallisationspunkt seiner Phantasien: „Mich überkam der heftige Wunsch, das Unkraut auszureißen, alles Schmutzige, Überflüssige aus dem Wege zu räumen, mir eine saubere Wohnstatt in der Grube einzurichten und während des Sommers dort zu hausen. Ich machte mich sogleich ans Werk, es lenkte mich von allem ab, was sich im Hause tat und, wenn es mich auch immer noch sehr kränkte, mit jedem Tag an Interesse für mich verlor. Ich riß oder hackte das Unkraut mit dem Hackmesser heraus und baute eine breite Sitzgelegenheit aus Ziegeln - man konnte sogar auf ihr liegen. Dann suchte ich viele bunte Glas- und Geschirrscherben zusammen, strich Lehm in die Ritzen zwischen den Ziegelsteinen und drückte die Scherben hinein. Wenn die Sonne in die Grube hereinsah, flammten sie in allen Regenbogenfarben auf, es war wie in der Kirche. Ich flocht einen dichten Zaun aus trockenem Steppengras und brachte zum Schutz gegen den Tau und gegen die Sonne über der Bank ein Wetterdach an - es war bei mir nun wirklich schön. Den ganzen Sommer, von Regentagen natürlich abgesehen, verbrachte ich im Garten, in warmen Nächten schlief ich sogar dort - auf einer Filzdecke, die Großmutter mir geschenkt hatte. Zauberhaft ist es, mit dem Gesicht nach oben dazuliegen und zu verfolgen, wie die Sterne aufflammen, wie sie den Himmel grenzenlos vertiefen. Es war die stillste und beschaulichste Zeit meines ganzen Lebens, und eben in diesem Sommer gewann ich ein Gefühl des Vertrauens in meine Kraft, das immer mehr erstarkte.“
Was bei einem Erwachsenen allzu sehr nach romantischer Lebensverklärung schmecken würde, wird bei dem Knaben Maxim zum therapeutischen Akt. Er findet den Platz, an dem er sich von der ihm feindlichen Welt zurückziehen kann nicht nur, er schafft sich diesen Platz sogar selbst. Während Gorki seine Zufluchtstätte gestaltet, leuchtet das ewige Paradoxon beglückender (Garten-)Arbeit auf: während wir sie verrichten, sind wir unermüdlich, haben wir sie aber getan, ist nur um so besser ruhn.
Gewöhnlich nimmt dann der Gärtner am Abend, und sei es noch so zögerlich, Abschied von seinem geliebten Flecken Land. Wer es wie Gorki halten möchte, plane daher beizeiten seinen nächtlichen Gartenschlummerplatz! Ob Sie diesen Vorschlag befolgen sollen? Die Lebensmaxime von Gorkis Großvater gibt darauf eine gute Antwort: „Leb still und ruhig, aber sei hartnäckig! Hör alle an und tu, was dich am besten dünkt ...“ Dem Gärtner ins Stammbuch!

 
   
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Erstellt von Daniel P. [the-crusader(at)web(dot)de]