Ralf Lilienthal - Buchautor - Artisten
   
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Artisten (GP 10/1996)

Erinnern Sie sich an die Fernseh-Varietés der 60er und 70er Jahre? An jene flinken Herren: auf dünnen, federnd schwingenden Stäben brachten sie weiße Porzellanteller zum Drehen. Erst einen, dann den zweiten, den dritten, und so weiter, bis der erste drohte hinunterzufallen. Dann sprang der Artist zurück und erneuerte dessen Schwung. Mit der Zeit vermehrte sich die Zahl der drehenden und oft gefährlich schwankenden Teller erheblich und die Anspannung der Artisten nahm bedeutend zu. - Diese Leute waren Gärtner! Nicht etwa in ihrer Freizeit (oder vielleicht doch?). Nein, sie waren Gärtner in einem sehr übertragenen Sinne des Wortes, gewissermaßen symbolische Gärtner.
Woran scheitern die meisten Gartenanfänger? Angenommen, das Haus ist fertig gebaut, und alle Zimmer sind eingerichtet. Nun bleibt nur noch, die gelbe Lehmödnis hinter dem Haus in einen ansehnlichen Zustand zu bringen. Irgendwie entsteht eine Einteilung des Ganzen, und schon bald nachdem Schaufel und Schubkarre ihr erstes ordnendes Werk getan haben, stehen überall und hübsch gleichmäßig verteilt Pflanzen und wundern sich, wie sie dahingekommen sind. Der Gartenanfänger wundert sich auch. Vor allem darüber, wie langsam seine Pflanzen wachsen und wie schnell stattdessen das Unkraut. Noch ist sein Enthusiasmus aber ungebrochen. Denn aller Anfang ist eigentlich leicht. Und reizvoll! Die Schwierigkeiten kommen erst mit der fortschreitenden Zeit. Und mit dem erwachenden Verständnis für die möglichen Probleme. Und so sicher die Zeit fortschreitet, so sicher sucht sich auch das Unkraut seinen Weg. Überall gleichzeitig. Von mußevoller Gartenarbeit ist schon bald nicht mehr die Rede. Zwar, was eine persische Glockenblume ist, weiß der Neugärtner möglicherweise recht schnell, ganz sicher aber wird er Quecke, Winde oder Giersch schon bald untrüglich identifizieren können.
Nicht jeder Tellerartist ist ein Gärtner, jeder Gärtner aber sollte Tellerartist sein! In der Vorstellung, auf dem Papier oder mit gestenreichen Worten beim Sonntagskaffee auf der Terrasse darf unser Garten getrost in einem Rutsch fertig gestellt werden. Nicht aber mit Spaten und Pflanzkelle. Mit nur einem „Teller“ fangen wir an: der Nutzgarten bekommt seine Gestalt - ein zweiter kommt dazu - die Obstanlage - ein dritter und vierter - das Rosenspalier und eine Staudenrabatte. Nun aber wird es Zeit zum schwankenden ersten Teller zurückzukehren. Der Pflücksalat wird gesät, die Zwiebeln gesteckt ... Schaffen wir es noch, einen neuen Teller aufzulegen? Nein? Macht nichts, wir haben doch eigentlich Zeit!
Was in der „Breite“ gilt, gilt noch mehr in der Tiefe des Gärtnerns. Einen Garten in den Griff zu bekommen ist eines, ein anderes ist es, s e i n e n Garten zu e r h a l t e n (in des Wortes doppelter Bedeutung). Wer auch bei der Ausprägung und Vervollkommnung seines individuellen Gartenstils immer nur soviel an Neuem hinzunimmt, wie die Erhaltung und Stabilisierung des Alten erlaubt, legt auf die Dauer einen weiten Weg zurück. Es ist die Echternacher Springprozession, drei Schritte vor, zwei zurück, sogar umgekehrt - aber, weiß Gott, es ist die angemessenste Fortbewegung auf ein Ziel zu, das es gar nicht gibt: den fertigen Garten!


   
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Erstellt von Daniel P. [the-crusader(at)web(dot)de]